An der Eberhard Karls Universität Tübingen

Erfolgreich kommunizieren lernen im Studium der Sozialen Arbeit:
Veränderungen kommunikativer Handlungsmuster durch eine gemäßigt-konstruktivistische Lernumgebung.
Eine qualitativ-rekonstruktive Studie.

Dissertationsbetreuer: Prof. Dr. em. Günter L. Huber, Prof. Dr. em. Diethelm Wahl
Zweitgutachterin: Prof. Dr. Petra Bauer

Abstract

Auch wenn der disziplinäre Diskurs in der Sozialen Arbeit berufliche Handlungskompetenz bereits seit etwa 30 Jahren fokussiert (Müller et al. 1984, 1982; Treptow 2011; 2005a) – zur beruflichen Handlungskompetenz von Sozialpädagogen finden sich viele kritische Forschungsarbeiten (Ackermann & Seeck 1999; Müller 2006; Thole & Küster-Schapfl 1997) und zu den Wirkungen des Studiums auf diese Handlungskompetenz ist die Forschungslage unbefriedigend. Eine zentrale Dimension der Handlungskompetenz von Fachkräften der Sozialen Arbeit ist professionelle soziale Kommunikation, wozu Konzepte, Methoden und Techniken der Kommunikation, Gesprächsführung und Beratung gehören. Diese sind daher seit langem Kerninhalte der Studiengänge in Sozialer Arbeit. Auch zu den Wirkungen der Lehrveranstaltungen in Kommunikation, Gesprächsführung und Beratung auf die Kompetenzen der Absolventen finden sich jedoch kaum Forschungsergebnisse.

Auf der Basis dieser Forschungslage untersucht die Dissertation die Wirkungen einer einjährigen, gemäßigt-konstruktivistischen Lernumgebung „Kommunikation und Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit“ auf das kommunikative Handeln von Studierenden des ersten Studienjahrs in einem Bachelor-Studiengang.

Die Arbeit basiert auf dem Forschungsprogramm Subjektive Theorien FST (Groeben & Scheele 2010; Groeben et al. 1988), sowie den Forschungs- und didaktischen Arbeiten von Wahl (1991, 2005b).

Die Untersuchung fragt, welche zielführenden Veränderungen sich im kommunikativen Handeln, im Kommunikationserfolg und in der Wissensnutzung der Versuchspersonen nachweisen lassen, wie der Erfolg der Lernumgebung demzufolge eingeschätzt werden kann und welche Bedingungskonfigurationen (Alter, schulische Vorbildung, Praxiserfahrung, Geschlecht und Orientierungsstil) zu einem höheren oder geringeren Lernerfolg in der einjährigen Lernumgebung beitragen. Weiter wird untersucht, welche Unterschiede im Lernerfolg zwischen einer offenen und alltagsnahen Situation in einem Jugendheim und einer strukturierteren Situation im Beratungsgespräch auf einer Fachstelle für Pflegeplatzierungen sich nachweisen lassen. Aufgrund dieser Erkenntnisse werden Implikationen für die Optimierung von Lernumgebungen im Bereich Kommunikation und Gesprächsführung abgeleitet.

Untersucht wurden zwölf Bachelor-Studierende der Sozialen Arbeit an einer Fachhochschule in einem qualitativen, quasiexperimentellen Pre-Post-Design, die in einem zielorientierten, kontrastiven Sampling ausgesucht wurden. Die Untersuchung erhob bedeutsame kommunikative Handlungsmuster der Studierenden in Rollenspielen, Interviews und Strukturlegetechniken vor Studienbeginn und nach Ende der zweisemestrigen Lehrveranstaltung. Die Untersuchung wurde in einer ökologisch validen Umgebung in einem Jugendheim und einer Beratungsstelle mit Simulationsklientinnen durchgeführt. In der Auswertung wurden die Veränderungen kommunikativer Handlungsmuster in der Innenperspektive der Versuchspersonen und einer Außenperspektive durch den Verfasser rekonstruiert und bewertet.

Die Ergebnisse der Studie weisen etliche Wirkungen der Lernumgebung auf das kommunikative Handeln der Studierenden nach: Die Versuchspersonen kommunizieren insgesamt erfolgreicher mit den Klientinnen. Sie reagieren verständigungsorientierter, die Handlungsmöglichkeiten und die Reaktionsvielfalt nehmen zu. Die Gespräche werden strukturierter und zielorientierter. Bei den handlungsbegleitenden Kognitionen und Emotionen zeigen sich Muster des Wandels und der Stabilität. Es lassen sich auch Unterschiede in den erwarteten Veränderungen feststellen: Personzentrierte Gesprächsmethoden sind leichter lernbar als Situationen, die Konfliktbewältigung oder Metakommunikation und Klärung von Störungen erfordern. Die Lernerfolge zwischen diesen Situationstypen fallen unterschiedlich aus. Uneinheitlich bis erwartungswidrig fällt die Analyse der Bedingungskonfigurationen von Lernerfolg aus: Die jüngeren, weiblichen, schulisch besser gebildeten, weniger praxiserfahrenen Versuchspersonen profitierten tendenziell mehr von der Lernumgebung als die älteren, männlichen Versuchspersonen mit beruflich-praktischem Bildungsweg und i.d.R. mehr Praxiserfahrung.

Den Schluss der Arbeit bilden Empfehlungen zur Optimierung der untersuchten Lernumgebung. Dazu gehören Empfehlungen zur Reduktion der Unterrichtsinhalte, zur Irritation von besonders stabilen Handlungsmustern, zum Aufbau von Änderungsmotivation, der Optimierung der Sicherheit der Handlungsausführung und zur Modifikation von Kognitionen und Emotionen, sowie von didaktischen Elementen der Lernumgebung und zu den Leistungsnachweisen. Weiter wird eine Kritik der Rahmenbedingungen von Lehrveranstaltungen zu sozialkommunikativen Kompetenzen im Studium der Sozialen Arbeit nach Bologna geleistet.

Literatur im Abstract

  • Ackermann, Friedhelm & Seeck, Dietmar (1999). Der steinige Weg zur Fachlichkeit: Handlungskompetenz in der Sozialen Arbeit. Hildesheim: Georg Olms Verlag.

  • Groeben, Norbert & Scheele, Brigitte (2010). Das Forschungsprogramm Subjektive Theorien. In: Mey, Günter/Mruck, Katja (Hg.). Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 151-165.

  • Groeben, Norbert/Wahl, Diethelm/Schlee, Jürg & Scheele, Brigitte (1988). Forschungsprogramm Subjektive Theorien: Eine Einführung in die Psychologie des reflexiven Subjekts. Tübingen: Francke.

  • Müller, Jürgen (2006). Sozialpädagogische Fachkräfte in der Heimerziehung - Job oder Profession? : eine qualitativ-empirische Studie zum Professionswissen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

  • Müller, Siegfried/Otto, Hans-Uwe/Peter, Hilmar & Sünker, Heinz (1982). Handlungskompetenz in der Sozialarbeit/Sozialpädagogik I. Interventionsmuster und Praxisanalysen. Bielefeld: AJZ.

  • Müller, Siegfried/Otto, Hans-Uwe/Peter, Hilmar & Sünker, Heinz (1984). Handlungskompetenz in der Sozialarbeit/Sozialpädagogik II. Theoretische Konzepte und gesellschaftliche Strukturen. Bielefeld: AJZ.

  • Thole, Werner & Küster-Schapfl, Ernst-Uwe (1997). Sozialpädagogische Profis: Beruflicher Habitus, Wissen und Können von PädagogInnen in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit. Opladen: Leske+Budrich.

  • Treptow, Rainer (2011). Handlungskompetenz. In: Otto, Hans-Uwe/Thiersch, Hans (Hg.). Handbuch Soziale Arbeit. München: Reinhardtg. S. 601-608.

  • Wahl, Diethelm (1991). Handeln unter Druck. Der weite Weg vom Wissen zum Handeln bei Lehrern, Hochschullehrern und Erwachsenenbildnern. Weinheim: DeutscherStudienVerlag.

  • Wahl, Diethelm (2005). Lernumgebungen erfolgreich gestalten: vom trägen Wissen zum kompetenten Handeln. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Die Arbeit ist im April 2012 bei Springer VS unter dem folgenden Titel erschienen:
‚Ich hab‘ mehr das Gespräch gesucht‘: Erfolgreich kommunizieren lernen im Studium der Sozialen Arbeit.
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Korrektorat der Dissertation
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Christoph Gassmann ist der „Fehlervogel“ fehlervogel.ch